Scholia Reviews ns 10 (2001) 34.

U. Schmitzer, Velleius Paterculus und das Interesse an der Geschichte im Zeitalter des Tiberius. Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften, Neue Folge 2. Reihe Bd. 107, Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 2000. Pp. 346. ISBN 3-8253-1033-7. DM78.00.[[1]]

Holger Koch
Mannheim, Germany

Der Historia Romana des Velleius Paterculus -- einer Universalgeschichte -- wurde häufig mit Vorurteilen begegnet. Dies liegt wohl auch daran, dass Velleius einen Teil seines Werkes dem Prinzipat des Tiberius widmet - einem Zeitabschnitt, der gemeinhin nicht zu den Höhepunkten der römischen Geschichte gerechnet wird. Insbesondere in der deutschen Forschung wurde dieses Geschichtswerk häufig als Arbeit eines höchstens zweitrangigen Historikers angesehen [[2]]. Dieses Urteil grundlegend zu revidieren und das Gesamtwerk des Velleius zu würdigen, hat sich Schmitzer in der vorliegenden Habilitationsschrift (Erlangen 1997) zum Ziel gesetzt.

Schmitzer gibt in Kap. 1 (pp. 9-36) einen umfassenden Forschungsüberblick ausgehend von der editio princeps (1520/1). Es gelingt dem Verfasser, deutlich werden zu lassen, dass vor allem die italienische (Lana), die französische (Hellegouarc'h) und die englische Forschung (Sumner, Starr und Woodman) viel zur Rehabilitierung des Velleius beigetragen haben, sieht man einmal von den negativen Urteilen von Syme ab.[[3]] Neuerdings kann man aber auch im deutschen Sprachraum positive Urteile in der Geschichte der römischen Literatur bei von Albrecht oder im Nachwort zur zweisprachigen Ausgabe von M. Giebel nachlesen.[[4]] Daran knüpft der Autor an. Sein Anliegen sind aber nicht die Textkritik, die Quellenfragen und die ereignis- und politikgeschichtlichen Fragen, sondern er will das Geschichtswerk als eigenständiges Produkt seiner Zeit verstehen und es als solches ernstnehmen.

Die Einführung endet mit interessanten Ausführungen zur 'Mittelmäßigkeit' des Velleius (pp. 29-36). Velleius sei ein typischer Vertreter seiner Zeit. Es gehe dem Historiker bei der Stoffpräsentation um das pre/pon, d.h. das Angemessene. Dieses Vorgehen machte Velleius nicht aber zu einem Epitomator, sondern zu einem eigenständigen (Universal-)Historiker. Zu Recht betont deshalb Schmitzer, 'dass mit dem Geschichtswerk des Velleius ein einsamer Zeuge einer einst wesentlich breiteren Strömung in der antiken Literatur fast vollständig erhalten sei' (p. 36).

Seine eigentliche Studie beginnt Schmitzer mit der Untersuchung der Struktur und des Inhalts des 1. Buches der Historia Romana (Kap. 2, pp. 37-71). Als besonders schmerzhaft muss dabei das Fehlen des Prooemiums empfunden werden, dessen Inhalt der Autor aber zu rekonstruieren versucht. Sicherlich mag Velleius das Thema der Universalgeschichte dort gestreift haben. Jedoch müssen Schmitzers weitere Feststellungen doch reine Spekulation bleiben: Woher soll man denn z.B. wissen, ob Velleius in diesem Kontext 'das historiographische Prinzip der festinatio vorgestellt habe' (p. 38)? - Interessant dagegen ist z.B. der Hinweis auf die Analogien des Werkes mit der Lehrdichtung.

Auch wenn der Anfang des Geschichtswerks fehlt, so ist auffällig, dass Velleius in 1,1,1-2 mit der Heimkehr der Griechen aus Troja einsetzt (Schmitzer, pp. 43-53). Unter Aussparung allen mythischen Beiwerks schwenkt der Geschichtsschreiber aber nicht auf die von Vergil vorgeprägte julische Vorgeschichte Roms ein, sondern kommt dem Prinzip der variatio folgend nach Schilderung der Gründung von griechischen Städten durch die Heimkehrer sogleich auf den in der Kaiserzeit allgemein verbreiteten Stoff der Orestie des Aischylos, genauer gesagt des Bruderzwists im Atridenhaus zu sprechen (pp. 43f., 57-60). Die eigentliche Zeitrechnung seines Werks lässt Velleius mit der Apotheose des Herakles beginnen, da er in den ersten Kap. der Historia Romana ihn mehrfach zur chronologischen Orientierung heranzieht und kein Ereignis im überlieferten Text historisch weiter zurückreicht (pp. 47f.). Auffällig ist weiterhin, dass Aeneas als Stammvater der gens Iulia unerwähnt bleibt. An seine Stelle treten Odysseus und die Herakliden, in deren direkter mythischer Abkunft die gens Claudia und damit der Princeps Tiberius steht. Der Grund für diese Besonderheit liegt in den latenten Spannungen zwischen Juliern und Claudiern begründet. Die hier geschaffene Art der Darstellung ist originär Produkt des Velleius, da er unter Umgehung der julischen Genealogie die römische Geschichte vom trojanischen Krieg bis auf die eigene Zeit herabführte. Schmitzer kann auch glaubhaft machen, dass die mythischen Anspielungen als Vehikel zeitgenössischer Wahrnehmung verstanden werden können (pp. 43-66). So dürfe beispielsweise 'Tiberius angesichts seiner Biographie in Hercules als dem Helden des labor einen vergöttlichten Vorgänger sehen' (p. 55). In einem gesonderten Unterkap. wird das wichtige Thema der translatio imperii abgehandelt (pp. 66-71).

Ein eigenes Kapitel widmet Schmitzer den literaturgeschichtlichen Exkursen und ihrer Funktion (Kapitel 3, pp. 72-100). Der Autor kommt zu dem Ergebnis, 'dass Velleius mit der Verzahnung von Literaturgeschichte mit der allgemeinen Geschichte ein wohl nicht nur durch die Kontingenz der Überlieferung bedingtes Novum biete' (p. 100).[[5]] Von besonderer Bedeutung ist ihm der größere literarhistorische Exkurs am Ende des 1. Buches (1.16-18), das mit dem Epochenjahr 146 v. Chr. (Fall Karthagos und Korinths) beschlossen wird. Der Autor hebt die strukturelle Bedeutung dieser Exkurse für das Gesamtwerk hervor. Schade nur, dass Schmitzer in diesem Zusammenhang nicht auch stärker die didaktische Absicht dieser Arbeitstechnik betont hat. Außerdem untersucht der Autor in diesem Kap. noch die Digression der Literatur der Mittleren Republik (2.9) unter Berücksichtigung der Literatursoziologie (pp. 85-92) sowie die Literatur des saeculum Augustum (2.36, pp. 92-100).

In Fortführung seines Ansatzes untersucht Schmitzer in Kapitel 4 (pp. 101-104) Roms Weg zur Vorherrschaft (1.9-15) und die Erörterung des Velleius über die ersten römischen Berührungen mit der griechischen Kultur. Auch bei Velleius schlage sich diese geistesgeschichtliche Entwicklung in seiner Darstellung nachhaltig nieder, da in keinem anderen Teil seines Werkes die politische Geschichte so sehr mit kulturellen Reflexionen durchzogen sei. Das Thema der Auswirkungen des Kulturtranfers wird im folgenden Kap. 5 fortgeführt (pp. 105-10): Velleius erörtert zu Beginn des 2. Buches die Zeit der Gracchen und den moralischen Niedergang Roms, den er mit dem Fall Karthagos beginnen lässt. Schmitzer beobachtet, dass die Art und Weise, mit der das 2. Buch eingeleitet werde, 'strukturelle Signifikanz' habe, da mit der Erwähnung dieses Ereignisses an dieser Stelle die Symmetrieachse der Geschichte Roms angedeutet sei (p. 106). Endpunkt dieser Entwicklung ist aus Sicht des Geschichtsschreibers die Begründung des Prinzipats. Mit der Regierung des Tiberius kehrt die innere concordia in das römische Staatswesen zurück. Erneut zeigt Schmitzer auf, wie moralische und kulturelle Themen mit der Ereignisgeschichte verwoben werden. Nach seiner Betrachtung des Fall Karthagos und Numantias (2.1.1-5) lenkt Velleius den Blick zurück auf die Gracchen, die gegen die etablierte Herrschaft aufbegehrten (2.2-7). Es wird gezeigt, wie Velleius, der an juristischen, sozialen und innenpolitischen Gründen für ihr Scheitern sich weitgehend uninteressiert zeigt, das Wirken der beiden Gracchen bis zu ihrem Fall unter Heranziehung der traditionellen Darstellung in eigener Weise nachzeichnet. Der Geschichtsschreiber verschweigt M. Livius Drusus (cos. 112), den Hauptgegner des C. Gracchus. Der Grund für diese Zurückhaltung wird mit seiner direkten Verwandtschaft mit Tiberius erklärt (pp. 110-29).

Kapitel 6 bietet einen Überblick über das Thema des Selbstmords als Ausweis des vir vere Romanus (pp. 130-49). Velleius Paterculus'. Historia Romana weist mehr Schilderungen von Suizid auf als vergleichbare Geschichtswerke. Diese Thematik wird bei Velleius geradezu zu einem Leitmotiv beim Gang durch die (römische) Geschichte. Die Schilderung der Selbstmorde zahlreicher viri vere Romani lässt der Geschichtsschreiber bezeichenderweise nach der clades Variana mit dem Prinzipat des Tiberius enden. Dadurch wird ebenfalls der werkstrukturierende Charakter deutlich.

In Kapitel 7 (pp. 150-55) wendet sich Schmitzer dem zweiten Zwischenstück (2.11-41) zu, in dem Velleius die römische Geschichte vom bellum Iugurthinum bis zum Konsulat Caesars behandelt. Der Historiker stilisiert M. Livius Drusus, den er bei der Gracchischen 'Revolution' verschwiegen hat, zum Musterbeispiel der alten römischen Nobilität. Im Gegensatz zu Sallust sieht er die sullanischen Proskriptionen als absoluten Tiefpunkt der römischen Geschichte an.

In Kapitel 8 (pp. 157-89) untersucht Schmitzer zunächst das Caesarbild des Velleius Volle Sympathie bringt dieser Caesar trotz seiner Abkunft vom julischen Geschlecht entgegen. Für die ansonsten übliche knappe Darstellungsweise des Geschichtsschreibers ist die Episode Caesars und der Piraten ungewöhnlich lang (2.41.1-43.2). Als Vorlage für die Schilderung des Piratenabenteuers führt Schmitzer den 7. Homerischen Hymnus an Dionysos (V. 6-21) an. Auch habe Velleius bei seiner Darstellung auf eine romanhafte 'C-Tradition' (n. H. Strasburger) zurückgegriffen, was die Heroisierung Caesars erkläre (p. 168-172).[[6]]

Der folgende Abschnitt ist der Auseinandersetzung zwischen Caesar und Pompeius gewidmet. Da beide in der frühen Kaiserzeit eine positive Reputation hatten, muss Velleius in seiner Darstellung darauf Rücksicht nehmen, wie sich z.B. aus der Behandlung des 1. Triumvirats ergibt (2.44.1-2). Besonderes Interesse hat der Offizier Velleius an der ausführlichen Schilderung der kriegerischen Leistungen Caesars. Beim Ausbruch des Bürgerkrieges zwischen Caesar und Pompeius (2.48-54) legt der Geschichtsschreiber wert darauf, dass Sympathien und Schuldzuweisungen sich bei beiden die Waage halten, um dann sein Caesarbild durch den Hinweis auf dessen clementia zu überhöhen. Aber dennoch hegt Velleius gegenüber der Vergöttlichung Caesars erhebliche Bedenken, da jene für Tiberius vorbehalten bleiben muss. 'Der eigentliche Held dieser Zeit' (pp. 184-89) ist für Velleius aber nicht Caesar, sondern Cicero, den er zum vir vere Romanus stilisiert, da er stets für die concordia eingetreten sei. Diese konservative Grundhaltung verband auch Tiberius mit Cicero. Das durch diese Würdigung Ciceros abgemilderte Caesarbild erklärt Schmitzer folgerichtig mit der Konfrontation des Claudiers Tiberius mit der gens Iulia.

In Kap. 9 (pp. 190-225) geht es darum, welche Bedeutung der Fortuna im Gang der Geschichte zukommt. So betrachtet Velleius im Gegensatz zur Mehrheit der antiken Geschichtsschreiber (Sallust, Livius) die (röm.) Geschichte nicht als Prozess der Verfalls, sondern als Kulmination in seiner eigenen Zeit. Sehr solide ist Schmitzers Untersuchung über Caesars persönliche Fortuna, die auf dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der frühen Kaiserzeit seine spezifische Ausprägung durch den Geschichtsschreiber erhält. Zwei Anhänge runden das Kap. ab.[[7]]

Kap. 10 handelt vom Prinzipat des Augustus nach der Darstellung des Velleius (pp. 226-31). Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass das Vorgehen des Oktavian gegenüber Antonius deutlich abgesetzt und jede Schuldzuweisung an die Adresse des ersteren vermieden wird. Weiterhin ist Velleius deutlich bemüht, 'die Kontinuität von Tiberius' Aufstieg als folgerichtigem Thronerben zu betonen' (p. 226). Da das Verhältnis zwischen Augustus und Tiberius alles andere als problemfrei war, kam Velleius an einer Geschichtsklitterung mit Bereinigung desselben nicht vorbei. Auch in der folgenden Darstellung der clades Variana (Kap. 11, pp. 232-62) verfährt der Historiker entsprechend. Schmitzer untersucht in diesem Zusammenhang eingehend die Erzähltechnik des Velleius Der Historiker verzahnt die Erzählung in Germanien mit den kriegerischen Ereignissen in Dalmatien und in Pannonien, wobei Tiberius' überlegene Feldherreneigenschaften betont werden. Nun wendet sich Velleius der eigentlichen clades Variana zu. Die Katastrophe des Varus im Teutoburger Wald ist der Kontrast zur siegreichen Lichtgestalt des Princeps.

Im 12. Kap. (pp. 263-86) wird die Zeitgeschichte anhand der Musterfälle des Germanicus und des Sejan abgehandelt. Velleius berücksichtigt im letzten Abschnitt seines Geschichtswerkes die letzten 25 Jahre der Zeitgeschichte. Da er auf Tiberius und Sejan bei der Abfassung Rücksicht nehmen musste, sind in der Forschung die Meinungen über den Wahrheitsgehalt dieses Abschnittes unterschiedlich. Schmitzer verdeutlicht mithilfe der Sejan-Passage (2,127-128), wie Velleius die unmittelbare Gegenwart schriftstellerisch bewältigte, musste er doch bei einem falschen Wort mit dem schlimmsten rechnen. Die Leistungen des Germanicus werden auch mit Rücksicht auf Tiberius klein gehalten. Nach dem Sturz Sejans im Jahre 31 n.Chr. war sein Lob bereits überholt. Dadurch könnte die nicht mehr nachvollziehbare spärliche Verbreitung der Historia Romana erklärlich werden (vgl. auch p. 293).

Das letzte Kap. (pp. 287-306) ist der Gesamtwürdigung des Werkes gewidmet. In einem die Arbeit abschließenden Unterkap. (p. 293-306) wird das Tiberiusbild des Velleius behandelt. Es ist von panegyrischer Überhöhung gekennzeichnet, wobei aber negative Aspekte seines Charakters nicht verschwiegen werden.

Das Werk rundet ein umfassendes, kleingedrucktes Literaturverzeichnis (pp. 307-35) ab, das die große Belesenheit Schmitzers zeigt. Leider werden weitere ältere Textausgaben, wie z.B. die von Halm (11875) oder von Ellis (1898), mit Ausnahme der von Iani-Krause (1800) im Verzeichnis der Primärliteratur nicht erfasst.[[8]]. Im Anhang findet sich dann noch ein Stellen- (pp. 336-43) sowie ein Namen und Sachenregister (pp. 344-46).

Es handelt sich insgesamt um eine sehr verdienstvolle Arbeit. Denn endlich erfährt die gerade in Deutschland oftmals verbreitete negative Einschätzung über den Geschichtsschreiber Velleius eine weitere positive Wendung. Demgemäss kann man diese Arbeit, die sich zudem gut liest, nur als Standard-Lektüre für die Velleius-Forschung empfehlen.[[9]]

Notes

[[1]] Vgl. bereits L. Voit: Rez. Schmitzer, in Gymnasium 108 (2001), S. 368-370; J.L. Lobur: Rez. Schmitzer, in BMCR (2001), http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2001/2001-02.08.html.

[[2]] Vgl. z.B. M. Fuhrmann: Art. Velleius (2), in Der Kleine Pauly 5 (1975), Sp. 1161f.; D. Flach, Einführung in die römische Geschichtschreibung (Darmstadt 1992[2]) 166-169.

[[3]] R. Syme, 'Mendacity in Velleius', AJPh 99 (1978) 46-63.

[[4]] Vgl. M. v. Albrecht, Geschichte der römischen Literatur. Bd. 2 (München 1994[2]) 841-51; M. Giebel, Velleius Paterculus: Historia Romana. Römische Geschichte. Lat.-Dt. (Stuttgart 1998, 1992[2]) 363-75.

[[5]] Zu einem ähnlichen Befund, wenn auch ohne Beleg, kommt bereits K. Heldmann, Antike Theorien über Entwicklung und Verfall der Redekunst (München 1982) 32 (Zetemata 77), den Schmitzer op. cit., S. 72 rügt.

[[6]] Vgl. H. Strasburger, Caesars Eintritt in die Geschichte (München 1938) 84. Schmitzer op. cit., S. 168 mit Anm. 64 schließt sich hier Strasburger an, der von dem 'literarischen Charakter der C-Tradition' spreche, der Velleius folge.

[[7]] Anhang 1: 'Rückzug aus der Politik - zur Geschichte eines Topos' (pp. 220-23) und Anhang 2: 'Fortuna im Lebensaltervergleich' (pp. 223-25).

[[8]] Vgl. Voit op. cit., S. 370.

[[9]] Das Buch weist zahlreiche typographische Fehler auf, die bereits Lobur op. cit., S. 6 festgehalten hat.